Warum der Facebook-Safety-Check eine perfide Farce ist

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Als Berlinerin bekam ich gestern Abend, nach dem Anschlag mit einem Lkw auf einen Weihnachtsmarkt, viele Nachrichten, Anrufe und Fragen von Freunden aus dem ganzen Land, ob es mir gut geht. Es war schön, zu wissen, dass sich mein Umfeld um mich sorgt. Facebook stellt dafür die Funktion „Safety Check“ zur Verfügung, die ich – anders als wirklich besorgte Nachfragen – für unangebracht und perfide halte:

  1. Der Safety Check dient vorrangig dazu, sich selbst in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, da deine Freunde eine Mitteilung bekommen, wenn du dich als „sicher“ markiert hast. Das lenkt von den eigentlichen Opfern ab
  2. Unbeteiligte wirken in einer 3,5 Millionen-Stadt plötzlich wie Helden, wie Überlebende einer Katastrophe, die die ganze Stadt heimgesucht hat. Dabei sollten wir lieber auf die schauen, die nicht überlebt haben, die geholfen und gerettet haben. Das sind die eigentlichen Helden von gestern Abend
  3. Statt zu beruhigen, wirkt die Funktion wie Panikmache. User bekommen den Eindruck, die ganze Stadt ist unsicher und in Lebensgefahr. Dabei saßen die meisten wahrscheinlich gemütlich auf dem Sofa, als sie „safe“ geklickt haben
  4. Das Kümmern wird zur Farce. Oder muss ich mich sorgen, weil nur 7 meiner Freunde über den Safety Check wissen wollten, ob es mir gut geht?
  5. Habt ihr alle eure Freunde angerufen, die sich gestern nicht über Facebook als „in Sicherheit“ markiert haben? Wirklich? Falls nicht, müsste man sich schon fragen, wie ernst man selbst das Tool eigentlich nimmt, auf dem man sich markiert hat
  6. Facebook weiß nicht, was es eigentlich tut. Das zeigt der Umgang mit dem „Anschlag“ (früher Abend), der „Gewalttat“ (später Abend), dem „Vorfall“ (heute). Facebook ist nicht das Instrument, dem ich zutraue, eine solche Situation richtig einzuschätzen und auf das ich mich im Gefahrenfall verlassen will
  7. Facebook ist es vollkommen gleich, ob wir safe sind oder nicht. Facebook profiert lediglich von unserer permanenten Aktivität

PS: Sollte sich jemand meiner Freunde, um mich gesorgt haben, weil ich den Safety Check nicht benutzt habe, tut mir das leid. Ich werde es allerdings auch in Zukunft nicht tun. Wenn mir nichts passiert ist, bin ich über zig Kanäle erreichbar, u.a. über persönliche Facebook-Nachrichten. Sollte mir etwas passiert sein, erfahrt ihr es hoffentich nicht über Facebook.

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14 Gedanken zu „Warum der Facebook-Safety-Check eine perfide Farce ist

  1. Damijan

    Obwohl ich selbst den Safety-Check gemacht habe, würde ich fast alles unterschreiben. Ich glaube nicht, dass man damit von den eigentlichen Opfern ablenkt, sondern einfach nur seinen Freunden, alles ist OK, sagen möchte. Manchmal ist ein Regenschirm, einfach nur ein Regenschirm. 😉

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    1. Eva Lindner Artikelautor

      Das mit dem Regenschirm verstehe ich nicht. Aber danke für den Kommentar und die Meinungsäußerung! 😉

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      1. Erklärbär

        Er meint, dass ein Regenschirm nur ein Regenschirm ist und nicht mehr. Genauso wie der Safety-Check seiner Meinung nach eben nur ein Safety-Check ist. Er will mit dieser Anekdote darauf hinweisen, dass man manche Dinge nicht zu mehr machen sollte als sie eigentlich sind. In anderen Worten: Man sollte in den Safety-Check nicht zu viel hineininterpretieren…..

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        1. Eva Lindner Artikelautor

          Verstehe ich. Finde es trotzdem ok, sich darüber Gedanken zu machen und diese zu äußern. Teilen muss die Meinung natürlich niemand. Gegenargumente sind erwünscht. Habe zum Beispiel auch viel aus diesen beiden Artikeln gelernt:

          https://www.wired.de/collection/tech/safety-check-warum-facebook-nicht-einfach-verantwortung-einen-algorithmus-delegieren

          http://www.golem.de/news/safety-check-warum-facebook-sofort-vom-anschlag-in-berlin-ausging-1612-125165.html

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  2. Timm

    Dieser Post ist doch schrecklich schlecht. Es geht doch hierbei um einebnen Safety-Check, der z.B. auch bei Erdbeben oder Umweltkatastrophen eingesetzt werden könnte.

    Ich finde diese Funktion besser als gar keine Reaktion. Einige meiner Freunde und auch ich selbst waren auf einem Berliner Weihnachtsmarkt zu diesem Zeitpunkt. Und die Funktion zu nutzen, um kurz und unkompliziert zu sagen: „Es geht mir gut.“, finde ich richtig und gut.

    In Japan z.B. wird mit derartigen – Facebook-unabhängigen – Funktionen ebenfalls reagiert – auch um das tatsächliche Ausmaß z.B. von Erdbeben oder Katastrophen abzuschätzen.

    Ich stehe in keinerlei Zusammenhang zu Facebook.

    Die selektive Informationsanfrage Deiner Freunde finde ich ebenfalls sinnvoll, da ich bei meiner Freundesliste recht genau weiß, wer vermutlich auf einem Weihnachtsmarkt war, und wer nicht.

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    1. Eva Lindner Artikelautor

      Die FB-unabhängigen Funktionen für Großlagen wie Erdbeben etc. finde ich wichtig und sinnvoll. Mein Gefühl bei dem Safety Check war, dass er das Gegenteil von dem bewirkt, was er suggeriert: Menschen zu beruhigen. Als ich die Liste gesehen habe, mit Freunden, die sich noch nicht als sicher markiert haben, hat mich das beunruhigt und nicht beruhigt. Diese Auswirkung stelle ich in Frage.

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  3. Juri

    Das Problem ist der Radius, nicht das Tool an sich. Mit 15 km Radius überwiegen die hier geschilderten Nachteile, vor allem der Gewalt-Marketing-Booster. Eine vernünftige Redaktion hätte in diesem Fall einen 1km Radius bei eindeutiger Ortsangabe ausgewählt, damit die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein so wenigstens an 0,1 Promille heranreicht.

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  4. Christian Wohlrabe

    Das Tool rückt genau denjenigen in die Mitte, auf den es ankommt. Mich erreichten duzende Anfragen. ob bei mir alles OK sei. Mit dem Tool konnte ich meine Freunde unkompliziert und schnell informieren. Bei Twitter habe ich dazu auch einen Tweet abgesetzt. Auch wenn ich mir wenig Sorgen um meine Freunde gemacht habe, so ist diese bei einigen Menschen doch ganz real und es ist gut zu sehen, dass sie in Sicherheit sind. Ich habe das in Paris schon als sehr beruhigend erlebt.

    Vielleicht sollte man technische Entwicklungen nicht gleich kritisch ablehnen sondern ihnen eine gewisse Empathie entgegenbringen. Sie sind lediglich ein Angebot und verpflichten nicht zur Nutzung.

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    1. Eva Lindner Artikelautor

      Absolut. Ich nutze Facebook gerne, deshalb ist es mir wichtig, mich damit auseinanderzusetzen. Ich befürworte sehr ein Tool, dass es uns ermöglicht, in Katastrophenlagen die Übersicht zu behalten und uns zu orientieren. Ob das auf FB sein muss oder vielleicht doch besser bei einem Dienstleiter der Stadt, Polizei etc. ist etwas, was ich mich frage. Auch angesichts dessen, dass FB mit seinem Algorithmus auf meistgenutzte Schlagworte seiner Nutzer reagiert und so den Check freisetzt. Wenn die Nutzer sich also täuschen, haben wir ein Problem. Stimmt aber, das Tool steht am Anfang und ich bin aufgeschlossen, wie es sich weiterentwickeln wird.

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  5. barbara

    also naja… dann lenkt doch dieses posting auch wieder von den „eigentlichen opfern ab“ die wir ja auch noch garnicht kennen. ich finde es recht normal, dass man sich um seine freunde gedanken macht und ebenso normal das man keinen bock hat etliche anfragen seperat zu beantworten. und ich finde woran das internet vor allem krankt, ist das alles und jedes was geäussert wird zur eigenen meinungsmache interpretiert wird! auch völlig ohne not: solange keiner irgendwelche denunzierenden sachen rauslässt, was ja auf fb an der tagesordnung ist, könnte man auch einfach mal akzeptieren, das leute mit ihren sorgen einfach unterschiedlich umgehen

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    1. Eva Lindner Artikelautor

      Ist akzeptiert, liebe Barbara! Hast du wirklich so viele Nachfragen nach deiner Sicherheit bekommen?
      Bei mir waren es eben nur eine Handvoll und die konnte ich schnell beantworten. Alle anderen sind in dieser Situation scheinbar davon ausgegangen, dass ich schon ok sein werde. Und das halte ich für den vernünftigen, besonnenen Ansatz. In einer Katastrophenlage für die ganze Stadt wäre ich anderer Meinung. Dazu habe ich im Kommentar drunter ausführlicher Stellung genommen.

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  6. Charlotte

    Hallo Eva, was spricht dagegen, schnell Freunde und Bekannte zu beruhigen, dass es einem gut geht? Und dazu der Einfachheit halber (auch) die Facebook-Funktion zu nutzen?
    Aus eigener Erfahrung nach den Anschlägen in Paris im letzten Jahr kann ich sagen, dass ich in dieser Ausnahmesituation selbstverständlich sofort bei allen engen Freunden telefonisch oder per Nachricht nachgefragt habe, ob es ihnen gut geht. Und von mir auch hab hören lassen (nicht nur per Facebook). Gleichzeitig konnte ich über Facebook nach und nach verfolgen, wer von den „Bekannten“ in Sicherheit war. Die Freundin meiner Freundin war selbst einige Tage nach dem Anschlag nicht als in Sicherheit markiert. Sie war im Bataclan erschossen worden. Deshalb danke an alle, die diese Funktion nutzen. Es ist gut zu wissen, dass wir leben! Charlotte

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    1. Eva Lindner Artikelautor

      Danke für deinen Beitrag, liebe Charlotte! Zu wissen, dass wir leben, ist immer gut! :-)
      Das ist aber, wovon ich ausgehe, jeden Tag, obwohl es jeden Tag anders kommen könnte, im Straßenverkehr, im Haushalt, im Flugzeug. Im Rückschluss müsste ich mich um jeden sorgen, der sich nicht als sicher markiert hat. Das macht mich wahnsinnig panisch. Mein Gefühl ist, in einer dramatischen Situation ruhig zu bleiben und davon auszugehen, dass seine Lieben schon ok sein werden, ist in einer solchen Lage angebrachter. Aber: Natürlich will man schnell Sicherheit haben uns sich in einer chaotischen Lage orientieren können, da gebe ich dir vollkommen recht. Deshlab bin ich unbedingt für ein Tool, das das gewährleistet. Nur frage ich mich, ob ich in einer Gefahrenlage FB vertrauen will, das den Safety Check über einen Algorithmus freisetzt. Mir wäre ein Tool der Polizei/ Feuerwehr/ Katastrophenschutz lieber. Die wissen dann auch, um was es sich handelt und verbreiten keine Panik.

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  7. Kobus

    Ich finde diesen Einsatz von Facebook unerhört und will für das Ganze gar nicht das Wort „Tool“ in den Mund nehmen. Facebook wird zunehmend bedeutungslos, und man mag den Eindruck haben, dass hier schamlos auf ein Ereignis aufgesprungen wird, um sich endlich einmal (wieder? nachdem man schon mit allen Schulfreunden be- und wieder entfreundet ist, die Wetter- und Blitzervorhersage anderswo zuverlässiger ist und der Schrecken über die gesponsorten Beiträge und den Gruß aus dem Unbewussten lange nachgelassen hat) nützlich zu machen. Ich stimme dem Beitrag uneingeschränkt zu – und bin mir sicher, dass ich schon erfahren hätte, wenn eine/r meiner zahlreichen Berliner Freund/innen unter den 12 (+48) Opfern gewesen wäre – und zwar lange bevor Facebook eine Marketingchance in dem ganzen „Vorfall“ entdeckt hat.

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