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Baum-Gutschein statt Bares

Dass Journalisten Geld verdienen wollen, scheint immer wieder zu erstaunen. Ähnlich wie, dass es im Sommer heiß ist und im Winter kalt. Eigentlich logisch, trotzdem sind Menschen immer wieder verwundert, wenn es dann doch so ist: „Puh, ist das heiß“, „Wahnsinn, wie kalt es ist, oder?“, „Ach, du bist Journalistin. Und wie lebst du davon?“. Hier zwei Beispiele, dass viele den Journalismus als Hobby und nicht als Beruf sehen:

1) Vor einiger Zeit habe ich dem Onlineauftritt einer der größten deutschen Zeitungen einen Themenvorschlag geschickt. Drei Wochen später kommt folgende Antwort:

Liebe Eva Lindner,

bitte entschuldigen Sie die späte Rückmeldung. Uns erreichten so viele Beitragsangebote zu (…), wir konnten uns nicht mehr auf alle rückmelden. Aber wir fanden Ihr Thema spannend und hätten das gern untergebracht. Im Rahmen unseres Leserartikel-Formats sind regelmäßig Veröffentlichungen möglich. Dabei handelt es sich allerdings um freie Einsendungen von Lesern, die nicht vergütet werden (abgesehen von einem Baum-Gutschein). Wenn Sie eine Veröffentlichung in diesem Rahmen interessiert, dann finden Sie unter diesen Links weitere Informationen: (…)

Liebe Frau …, 

danke für Ihre Email. Es ist mir allerdings nicht möglich, Ihr Angebot anzunehmen, ohne Vergütung zu schreiben, da ich als Journalistin keine Leserbriefe sondern Artikel verfasse und von dem Verkauf meiner Texte lebe. In diesem Fall wurde meine Reportage über …  bereits in … gedruckt.
Mit freundlichen Grüßen,
Eva Lindner

PS: Was um alles in der Welt ist ein Baum-Gutschein?

 

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Äh…Baum-Gutschein?

Eine Antwort kam nicht mehr.

Stand bei irgendwem schon mal auf dem Gehaltsnachweis „Baum-Gutschein“? Kann man davon etwa seine Miete bezahlen? Und schreiben Leserbriefe nicht nur 70-jährige, schwer gelangweilte Rentner von ihren mit Bäumen gesäumten Gartenstühlen aus? Unverschämtheit.

2) Vor Kurzem habe ich mich um einen Moderations-Job für ein feierliches Programm an einer der Berliner Unis beworben. Es wurde ausdrücklich nach jungen Frauen mit Erfahrung gesucht, die Moderation sollte zweisprachig sein und ein Interview mit einer Kernphysikerin enthalten. Nachdem einige Emails hin und hergegangen sind, kommt diese Nachricht:

Wir würden uns freuen, wenn Sie Interesse an dieser Moderation haben. Leider steht dafür kein Budget zur Verfügung, d.h. es kann kein Honorar gezahlt werden. Dafür bieten wir eine Möglichkeit bei einem einmaligen Ereignis dabei zu sein; nutzen Sie diese Veranstaltung auch zum Netzwerken und zur Inspiration durch unsere Gäste … und unserem Projekt. Die Presse ist zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Geht’s eigentlich noch? Ich soll eine zweisprachige Moderation machen, einschließlich ein Gespräch mit einer Kernphysikerin (das ich mir ganz bestimmt nicht aus dem Ärmel schüttele) und mich anschließend darüber freuen, dass ich so viele inspirierende Leute und so viele andere unterbezahlte Journalisten getroffen habe??? Nein, Danke. Da bleib ich lieber zuhause und schaue mir alpha-Centauri im Fernsehen an. So ähnlich klang dann auch meine Antwort, ein bisschen diplomatischer vielleicht.

Warum gehen eigentlich alle davon aus, dass Journalisten für unentgeltlich zu haben sind, wie ein Antwortkuvert für eine Mitgliedschaft bei Greenpeace? Bei einem Klempner geht man ja auch nicht davon aus, dass er einem das Rohr für umme freilegt.

Ich sehe das so:

Auch wenn er noch so viel Spaß macht, es ist dringend notwendig, für seinen Job Geld zu verlangen. Schließlich haben die meisten Journalisten 5 Jahre studiert, sich 2 Jahre durch die Journalistenschule gebissen, unzählige, unbezahlte Praktika gemacht und zig Jahre Arbeitserfahrung angehäuft. Wer zu einem schlechten Angebot ja sagt, drückt die Preise für die ganze Branche. Und: Vielleicht sollte man lieber selbst einen Baum pflanzen, bevor man einen Job macht, für den man einen Baum-Gutschein geboten bekommt.

Einen Tag, nachdem ich diesen Text veröffentlicht habe, und er zahlreich auf Twitter geteilt wurde, hat mich die Redaktion des Baum-Gutschein-Angebots angeschrieben. Sie wollten sich für das „ärgerliche Missverständnis“ entschuldigen. Es läge ihnen sehr am Herzen, zwischen journalistischen Inhalten und Leserbriefen zu unterscheiden. Ihnen sei ein Fehler unterlaufen. Anständige Reaktion, finde ich!

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